BildungsMurmeln + Angeschossen [ Folge 2 eines Krimis ]


22.09.2016 Ich liege auf dem Boden. Dahingerafft vom unerwartet aufgetauchten Antlitz des verstorbenen Wilhelm von Humboldt. Kann das möglich sein oder erzählt Wikipedia nur noch Müll? Oder irrlichtere ich jetzt hier rum? Habe ich schon in die Metaebene gewechselt und gleich rollen der Josef Hader 1 und der Teufel um die Ecke? Und spielen mit mir das Bescheißerle-Spiel? Oh Mann, mein Kopf brummt. Ich öffne ganz langsam die Augen. Himmel oben, Berg links, ich liege auf dem Weg, spitze Steinchen knibbeln an meinem Rücken und ein säuerlicher Atem weht mir um die Nasenflügel. Verflucht, mit dem rechten Auge und der funkelnagelneuen Linse [ Lob an das BwZKrhs Koblenz ] kann ich das faltige Gesicht von Wilhelm fokussieren. Mit dem linken Auge nicht so recht. Geräusche um mich herum.

Bin ich real, ist Wilhelm real? Hier und jetzt in diesem Moment? 

Wilhelm hat bestimmt Magenprobleme. Mann, Mann, säuerlich weht es um meine Nasenflügel.

Jetzt bin ich hellwach.

Wir beginnen eine Unterhaltung. Wilhelm von Humboldt und ich unterhalten uns.

Wilhelm: Sie haben mich ausgesperrt. Einfach so.

Ich: Wer hat Sie ausgesperrt und wovon genau wurden Sie ausgesperrt?

Wilhelm: Mein Facebook-Account wurde gesperrt. Ich komme nicht mehr rein. In meinen Account. Bei Facebook.

Ich: Sie haben einen Facebook-Account? Wieso denn das? Facebook gab es doch damals gar nicht. Das kann doch gar nicht sein!

Wilhelm: Junger Mann, nur weil bei Wikipedia geschrieben steht, dass ich am 8. April 1835 gestorben bin, müssen Sie das ja nicht unbedingt glauben.

Ich: Wie, jetzt, offiziell gestorben und das stimmt gar nicht? Sind Sie ein Unsterblicher, gar vom Himmel runtergestiegen und als ewiger Geist unterwegs?

Wilhelm (vergnügt): Ganz genau so verhält es sich. Junger Mann, Sie glauben doch nicht etwa, dass ich als Bildungsreformer sterben könnte?

Ich: Jessesmaria, wollen Sie etwa behaupten, dass Bildungsreformer ewig leben können?

Wilhelm: Ja, das stimmt. Junger Mann, egal wie Sie das sehen möchten, Bildungsreformer existieren ewig. Nicht unbedingt immer physisch. Aber ewig auf der Metaebene. Wir sind ein bisschen virtuell, Sie verstehen?

Ich: Und dann haben Sie mal auf die Schnelle im Hier und Jetzt einen Facebook-Account eröffnet? Warum denn das? Sind Sie mal schnell in ein Internet-Cafe gegangen und haben sich angemeldet?

Wilhelm: Bildungsreformer müssen dorthin, wo die Menschen sich treffen. Selbstverständlich bin ich in ein Internet-Cafe gegangen und habe einen Account eröffnet. Auf dem Friedhof gibt es ja keine Internetanschlüsse. Ja, wo leben Sie denn, junger Mann?

Ich: Blöder Spruch. Natürlich weiß ich, dass die Telekom keine Internetanschlüsse auf dem Friedhof verlegt. Sie wohnen auf dem Friedhof? Wohnen unter der Grabplatte oder wie soll ich das jetzt alles verstehen?

Wilhelm: Natürlich wohne ich in meinem Grab. Wie soll ich denn an eine Wohnung kommen? Und außerdem: Bildungsreformer mussten schon immer raus aus der Universität und in das wahre Leben tauchen. Damals wie heute.
Ich steige halt aus meinem Grab und gehe in so ein Internetcafe.

Ich: Aber da müssen Sie doch für die Nutzungszeit bezahlen? Mit welchen Münzen oder gar Scheinchen bezahlen Sie denn im Internetcafe?

Wilhelm: Kein Problem, ich bin in der Mittagszeit in der Fußgängerzone mit meinem Hütchen und meinem Bettel-Schildchen. Nach zwei Stunden sind in dem Hütchen genügend Münzen, um das Internet-Cafe bezahlen zu können.

Ich: Wilhelm von Humboldt bettelt in der Fussgängerzone? Nö, echt?

Wilhelm: Es ist kein unrechtes Handeln, um Almosen zu betteln. Zu meiner Zeit war das nicht unbedingt so, aber hier und jetzt ist das für mich und die Anderen wohl völlig in Ordnung.

Ich: Und seit wann ist Ihr Facebook-Account gesperrt?

Wilhelm: Seit gestern Abend. Und ich habe sogar an den Support geschrieben und darum gebeten, mein Passwort zurückzusetzen.

Ich: Ja und?

Wilhelm: Das Supportteam hat mir zurückgeschrieben, dass mein Passwort nicht zurückgesetzt werden muss, sondern ein anderes Problem vorliegt mit meinem Account.

Ich: Wilhelm, bitte, lassen Sie sich die Einzelheiten nicht wie Würmchen aus der Nase ziehen. Welches andere Problem?

Wilhelm: Das Wort in der Supportmail konnte ich nicht zuordnen. Kennen Sie das Wort "Hatespeech"?

Ich: Der Begriff geistert schon seit einiger Zeit durch die Weltgeschichte. Das ist Hass-Sprache. Wenn man böse Sachen über Leute erzählt oder diese Leute direkt mit unflätigen Worten beschimpft.

Wilhelm: Ja und? Darf dann jeder Benutzer, den ich vielleicht mal beschimpft habe oder über den ich hergezogen bin, meinen Facebook-Account sperren lassen? Und wenn ich nur Beiträge über ein Thema erstellt habe, gilt da auch dieses Kontrollsystem?

Ich: Auch, aber Facebook hat seit geraumer Zeit eine deutsche Firma verpflichtet, diese "Hatespeech" auszusortieren und wenn es allzu schlimm ist, sogar den Account zu sperren. Also zuerst das "Böse,Böse" herausfiltern und im äußersten Fall den Benutzer aus dem System aussperren.

Wilhelm: Ach. Guck an. Und gibt es da eine Liste der Worte, die ein Facebook-Nutzer nicht benutzen darf? Vielleicht könnte ich diese Liste bei der, wie hieß denn die Firma, von der Sie sprachen, beziehen?

Ich: Das wird wohl nicht möglich sein, denn diese Liste ist geheim.

Wilhelm: Geheim? Was soll das denn? Dann weiß doch kein Mensch, was "Böse,Böse" ist! Das kann nicht sein.

Ich: Doch, doch. Die deutsche Firma, die im Auftrag von Facebook das "Böse,Böse" ausfiltert, heißt Arvato. Eine Tochterfirma von Bertelsmann.

Wilhelm: Bertelsmann! Doch nicht die Firma, die Carl Bertelsmann 1835 gegründet hat? Zu meiner Zeit lebte ein Carl Bertelsmann. Etwa der?

Ich: Genau diese Firma gibt es heute noch. Der weltgrößte Buchverlag ist Bertelsmann.

Wilhelm: Das kann ich nicht glauben. Der Laden vom Carl Bertelsmann?

Ich: Wenn Sie es sagen, ich kann das jetzt nicht bestätigen, mein Tablet liegt zu Hause.

Wilhelm: Damals ging es mir nicht mehr so gut. Aber von dem Carl Bertelsmann hatte ich damals so einiges gehört.

Ich: Das müssen Sie mir erzählen. Unbedingt.

Wilhelm: Nicht heute, junger Mann, nicht heute. Helfen Sie mir bei meinem Facebook-Account? Ich muss da wieder reinkommen.

Ich: Da müssen wir eine neue Identität für Sie finden. Irgendwie.

Wilhelm: Junger Mann, ich bin es nicht gewohnt, mich hinter irgendwas oder irgendwem zu verstecken.

Ich: Sie lernen soeben die Lektion unserer modernen Gesellschaft. 

Wilhelm: Wie bitte?

Ich: Verstecken spielen

Wilhelm: Keinesfalls

Wir starren uns an.

Mucksmäuschenstill starren wir uns an.






1 Link führt zu YouTube Hader spielt Hader 1/10 15.Juli 2011

Tags: Bildungsapathie, BildungsMurmeln

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