Auf den Gleisen rumpeln + Höllengedudel mit Koffern + ein weibliches Kompetenzsträußchen [Update]

Verfasst von Thomas. Veröffentlicht am . Aktualisiert am .


05.10.2016 Oktobertemperaturen. Auf dem Bahnsteig 5 wabert die Frische wie im mittleren Fach eines intakten Kühlschrankes. Die ächzenden Rolltreppen zum Bahnsteigdoppel 4/5 haben sich über das verlängerte Wochenende geräuschmäßig nicht verschlechtert. Es bleibt beim Knirsch-Ächz. Ob vorausschauend die nächsten Ersatzteile vom DB-Qualitätsmänäger bestellt worden sind? Der IC-Stahlwurm harrt in prachtvoller Länge der Fleischpäckchenbesteigung. Nun gut, nicht an Waggon 5. Da wurde in Fahrtrichtung rechts vorsorglich eine Ein/Ausstiegstüre zugetackert. Mit dem ordnungsgemäß mittig auf der Ein/Ausstiegstüre angebrachten gelben Hinweisschild. Der Rest des Zuges scheint in reisefähigem Zustand zu sein.

Hipp, Hipp, Horeyh.

Mich begrüßt ein angenehm bewärmter Waggon 4. Von weit hinten aus dem IC-Stahlwurm dringt das gaanz leise Schluchzen des missachteten ReservierungsComputerchens zu mir. Armes Hascherle. Mal wieder keine Reservierungs-3.5Zoll-Diskette vom Lokführer erhalten? Yeap. Der fluoreszierende blaugrüne Schriftzug --Ggfs reserviert-- signalisiert dem leidenden PendlerFleischpäckchen exakt diesen Zustand. Lost digital Media. Wo zur Hölle sind die magnetisierten Bits der 3.5Zoll-Diskette wohl geblieben? Horst-Ferdinand wiehert schon wieder selbstgefällig: Was wird es wohl sein, was wird es wohl bedeuten?

Wir rollern pünktlich um 06Uhr05 aus dem HBf Koblenz und sogleich düst ein mittel-miesmuffiger FahrkartenKontrolleur durch die Gänge. Geht mir heute an der linken Seite vorbei - das Miesmuffelige.

Bis zur ebenso pünktlichen Ankunft im HBf Düsseldorf kann ich keine interessanten Vorkommnisse vermelden.

Die Rückfahrt plane ich mit dem 17Uhr49 Stahlwurm. Tja, das wird dann nix mit pünktlichem Abschieben aus dem HBf Düsseldorf. Personen im Gleis, der Dolchstoß für geregelten Schienenverkehr. Irgendwo in Pampanesien tänzeln mal wieder Wo-sind-meine-Gedanken-nur-geblieben-in-meinem-Kopf-finde-ich-gar-nix  geschwächte Mitmenschen in den Gleisanlagen herum ODER es hat sich bereits ausgetänzelt und jetzt muss die Bundespolizei zur Bestandsaufnahme anschweben. Zweiteres unterstelle ich heute nicht, da die Verspätung mit 20 Minuten einfach zu kurz für den ganzen Kladderadatsch mit Bundespolizei und Leichenwagen und so weiter und so fort ist. Wir dampfen im IC2-Doppelstöcker los. Die im BahngleisDisplay annoncierte Wagenreihung stimmt heute. Sind eh nur, glaube ich, vier DoppelstöckerWaggons. Da gibt es einfach weniger Möglichkeiten, die Zugreihung wie bei einem Würfelspiel durcheinanderzuorganisieren. Jaja, so isses.

Schleichfahrt bis Köln HBf, die Gleise sind rundum vollbesetzt. Mit Zügen. Da kann ich mich auf knapp vor 20Uhr00 Ankunft in Koblenz einrichten. Weiah!

Puuh, geschafft. 19Uhr55 Einrumpelung in den HBf Koblenz. Hätten die in Düsseldorf vielleicht ein paar Weichen und Schienenstränge übrig, die für den Bahnhofseinfahrbereich in Koblenz eingebaut werden könnten? Das fände ich schick, denn das Geschlingere [Oma, halt die Gläser fest, es geht auf Kowwelenz zu] wird immer unangenehmer. Ob da ein Team von Zugschubsern rund um die Uhr beschäftigt ist, um gerade eben das Entgleisen der Lok oder der Waggons zu verhindern? Aus dem Team der Zugschubser, versteckt unter Alberichs Tarnkappen, konnte ich noch keine schubsenden Teilnehmer erspähen! Brauche ich neue Brillengläser?

06.10.2016 Der 06Uhr05 Stahlwurm präsentiert sich wie gestern in voller Länge. Die bedauernswerte Situation des schon wieder gaaanz leise schluchzenden Reservierungscomputerchens scheint sich in dieser Woche nicht ändern zu wollen.

Schnüff.

Wir verlassen pünktlich den HBf Koblenz. Andernach, Remagen, Bonn, Köln -- wo bleibt der Fahrkartenkontrolleur wbl/m/irgendein-Geschlecht?

Huhuhuh??????

Hat es jemand gehört? Dieses große Aufatmen, dieses entspannte Grunzen im Bahnleittower in Berlin in den Etagen 7 bis 12. Nein? Oder doch?

Mit dem Oktober beginnt die Laub-, Weichenkümmer- und-so-weiter-Ereignis-Zeit. Das Klimaanlagenteam kann in die wohlverdiente 6-Monats-Kur abschwirren. Die Etagen 7 bis 12 im Bahnleittower in Berlin werden jetzt von den aus der Sommerkur zurückkehrenden Teams für ernste Geschehnisse aus den Bereichen Laub, Kälte [Naturereignis außerhalb von DB-Waggons] und Schneeflöckchen bezogen. In diesem Jahr, so flüsterte ein geschwätziger Rabe in der Fußgängerzone Koblenz letzthin, wurde von der BahnTowerLeitung in Berlin die 8. Etage für das Emergency-Response-Weichen-Kälte-Team [First-Level/Second-Level/Psychologische-Betreuung/Heizkissen/Flauschdeckchen-Service] mit neuester Leittechnik ausgestattet. Die seit Jahren von der unterbeschäftigten MainstreamPresse immer wieder herausgehobenen Mängel im Transportsystem wegen vereister Weichen und im Winter blaugefrorener Fleischpäckchen-Extremitäten haben den Sensibelchen im BahnLeittower offensichtlich mächtig zugesetzt. Jetzt haben DIE durchgegriffen. Die 8. Etage wird es mit dem hochmotivierten ERWK-Team richten. Und alle Mühe dieser Welt haben DIE sich gegeben, um das geschlechtergemischte Team, in aufwändigen Assessments gecheckt, kundenorientiert optimal handelnd aufzustellen. Wäre ja gelacht, wenn DIE das nicht "geregelt bekommen". Mit dem ERWK-Team.  

Waggon 4 hat die Temperatur wie im Gemüsefrischhaltefach eines neuen AAA+ Kühlschrankes. Sending a message to the ERWK-Team aus dem Frischhaltefach-Waggon Nummero 4: Hat schon einer gestempelt und den Leittechnik-PC inklusive Monitor angeworfen? Verfügt die Temperaturregelung in Waggon 4 über einen Remote-Anschluss mit der Möglichkeit, die Temperatur vom Leittechnik-PC aus zu korrigieren? Nein? Noch kein InternetofThings an Bord? Macht nix. Telefon zur Hand? Vielleicht könnte einer/eine der Fahrkartenkontrolleure/Fahrkartenkontrolleurinnen in Waggon 4 den Temperatursteller händisch korrigieren?

Die geplante Rückfahrt möchte ich heute mit dem 16Uhr27 IC-Stahlwurm der alten schlängeligen Bauart durchziehen. Mit lässigen 5 Minuten Verspätung rollert das Stahlungetüm ein. Und hey, die Wagenreihung stimmt auch. Und nochmal hey, im Bistrowaggönchen gibt es temperaturgeniale Verhältnisse! Hey, hey. Mit 8 Minuten Verspätung rumpeln wir am Bahnsteig in Koblenz ein.

07.10.2016 Heute bin ich zu schnell in den Morgen gestartet. Um 05Uhr50 lungere ich am Bahnsteig vier herum und der vorgesehene IC-Stahlwurm steht still und dunkel in einem der Mittelgleise herum. Gleise ohne Bahnsteiganschluss. Kurz vor 06Uhr00 schiebt sich das Ungetüm an den Bahnsteig heran, wird herangeschoben von einem Zugschubser (Zugschubser im! Bahnhof nennt man Rangierlokführer).

Hier und jetzt sofort eine Korrektur. In den fluoreszierenden Reservierungsanzeigen steht mitnichten --Ggfs reserviert --. NEIN. Da steht --Ggf. reserviert --. Ich habe beständig ein --s-- hinzugedichtet sowie einen --.-- weggedichtet. Unerhört! Ich höre schon das Grummeln aus Berlin: "Mach dich weg, du Kerl, was erzählst du solch einen Unsinn über unsere tollen Fahrsysteme. Mach dich weg, du Kerl, du Dauernörgler. Weg mit dir"

Nö, ich rumple weiterhin auf EUREN 1435mm-Systemen herum. IHR seid leider konkurrenzlos. Leider.

Hier und jetzt sofort ein fettes Lob für den Hardwarehersteller ASUS sowie die Mir-doch-Scheissegal-Wenn-die-Updates-so-grottig-schlecht-sind Softwareschmiede MICROSOFT. Seit Oktober 2006 werkelt ein Windows-Server mit der 2003-Server-Edition als Domaincontroller annähernd reibungslos rund um die Uhr vor sich hin. Jetzt macht die Hardware erste Sperenzchen und ich tippe auf ermattete Lötstellen beim 4-Lagen-Mainboard. Da wo die Steckkarten-Aufnahme-Anschlüsse sind. Eben. Da wo die PCI-Slots positioniert sind. Ermattete Lötstellen. Geht aber voll in Ordnung. 10 Jahre rund um die Uhr. Summasummarum 365x24x10 Betriebsstunden, ohne Urlaub, ohne Kur, nur mit dem jährlichen Weihnachtsreinigungsritual für jeweils 1 Stunde ausser Betrieb.

Lob.

Immer beim Einrollern in den HBf Bonn schwächelt das Mobilfunknetz des magentafarbenen T-Konzerns vor sich hin. Komisch.

Pünktliche Ankunft im HBf Düsseldorf.

Der um 14Uhr27 geplant abfahrende IC-Stahlwurm verspätet sich um erst 10, dann um 15 Minuten wegen Personen im Gleis. Aktive oder passive Personen? Kurbelt nur die Bundespolizei herum oder ist das Sonderwägelchen erforderlich? Ich erwarte keine aufklärende Antwort. Theoretisch könnte ich noch schnell an den Bahnsteig für die Gleise 19/20 hüpfen und den um 14Uhr46 angekündigten IC-Stahlwurm erklimmen. Will ich, will ich nicht? Nein, ich hüpfe nicht zum Alternativzügchen.

Karacho-Karambo, ein Fahrgast im Bistro des 14Uhr27 Stahlwurmes befindet sich jenseits der sinnvollen Zuführung weiterer alkoholischer Getränke. Karacho-Karambo, wieso wurde dem Mitmenschen noch ein Fasspils im Bistro verkauft? Der findet weder seinen Bistrotisch noch sein in der Pampa abgestelltes Bierglas nach dem Toilettengang wieder. Und verschwindet in Richtung Erste-Klasse-Waggon. Derweil ich sein auf dem arschglatten Bistrotisch in Richtung abwärts gleitendes Bierglas rette und die Versauung des Mittelganges verhindere. Huch, soeben schwankt der Mitmensch wieder durch das Bistro und sucht offenkundig sein Bierglas. Ich bleibe tatenlos und widme mich meinem Video.

Tirili, töro, der Stahlwurm gleitet so vor sich hin. Und hält in Andernach. Und wird nicht mehr weiterfahren. Vorerst. Mit der Begründung: Mehrere herrenlose Koffer wurden im HBf Koblenz gefunden. HBf Koblenz gesperrt und nix rollt mehr raus oder rein. Nix mehr. Die nächste Durchsage aus dem Bordlautsprechersystem verkündet, dass der Halt in Andernach auf unbestimmte Zeit verlängert wird. Vor meinen Äuglein tanzt das Kapern eines Taxis, vielleicht Mitreisende motivieren zum Mitfahren. Geschätzte 40-45 Euronen dürfte das Taxi kosten. Bei vier Mitfahrern völlig akzeptabel. Oh, oh, oh, der Zug fährt los. Wir fahren wirklich. Und wieder quakt aus dem Bordlautsprechersystem eine Ansage mit der fröhlichen Botschaft, dass der Stahlwurm bis Koblenz-Lützel rollern wird und anschließend nach dem Motto "Kehrt marsch, das Gleis ist geduldig" rückwärts unter Umgehung von Koblenz nach Mainz tuckern wird. Mittelschwere Entspannung auf den Gesichtern der Mitreisenden, schließlich sind es vom Haltestellchen Koblenz-Lützel nur 10 Minuten Fußmarsch bis zum Zentrum Koblenz.

So weit alles im grünen Bereich.

Dann wechselt die grüne Bereichsfarbe auf super-duster-mattschwarz. Der Stahlwurm kann das Haltestellchen Koblenz-Lützel nicht anfahren, da alle Gleise mit Zügen besetzt sind. Wir stehen neben einem Güterzug und können entspannt die untergehende Sonne betrachten. Mineralwasser zur Stärkung wird verteilt. Wir stehen im GleisNiemandsLand. Aussteigen verboten. Faszinierend, mit welcher Dynamik einige wenige Mitfahrer die eigene Komfortzone/Meckerzone aufbauen. Komfortzone Eins für die Raucher: Ein Gangfenster herunterziehen und losdampfen, allerdings ohne meine Beteiligung, das finde ich als Raucher dann doch arg überdreht. Meckerzone Eins für, wie sich gleich herausstellen wird, eine Vertreterin der akademischen Elite: Freiheitsberaubung. Mit gellender Stimme quillt es aus besagter Frau heraus. Freiheitsberaubung. Sehr oft quillt es aus ihr heraus. Freiheitsberaubung.

Ich verwickle die Frau in ein kurzes Gespräch und tatsächlich, vor mir vibriert ein zweibeiniger Masterabschluss (JGU Mainz) wie ein Duracell-Häschen 1.

Freiheitsberaubung!

Geht's noch?

Ein KompetenzKompetenzSträußchen, immer haben nur die anderen die Schuld und die muss zwanghaft zugewiesen/konstruiert werden. Ruhe bewahren? Erst mal wägen, vielleicht analysieren? Nö.

Auskompetenzt. Die Dauervergewaltigung des lateinischen Wortes <competere> geht mir ungemein auf den "Zeiger". KompetenzKompetenzSträußchen werden in rauhen Mengen produziert. Die "Anderen" kann Mann/Frau/welches-Geschlecht-auch-immer mittlerweile suchen gehen. Bitte nicht bei der Bertelsmann-Stiftung nachfragen. Bitte nicht! Die betreiben unter anderem das CHE [ Centrum für Hochschulentwicklung ]. Das Centrum für betriebswirtschaftlich organisierte zielgerichtete "Bildung". Wilhelm von Humboldt schüttelt es gerade mächtig unter der Grabplatte. Mich befällt auch der Schüttelfrost, wenn ich die drei Substantive --Bertelsmann-- UND --Bertelsmann-Stiftung--2- UND --Bildung-- in einem Satz lesen muss. Zu meinem großen Bedauern werden manche intellektuellen (echt?) Ergüsse der Bertelsmann-Stiftung nicht im Werbeblock 19Uhr50 - 19Uhr55 im ZDF gezeigt, sondern diese Ergüsse haben ein hübsch vorgewärmtes Plätzchen auch in der Tagesschau-Berichterstattung gefunden.

Schüttelfrost!  

Natürlich gibt es die "Anderen". Wo genau jetzt?    

Nach geschätzten 60 Minuten Wartezeit im GleisNiemandsland hat die Betriebsleitung entschieden, den Rückzug über die Haltestelle Neuwied als erstem Stop in Richtung Mainz anzutreten. Das Bordlautsprechersystem beschmeisst uns mit dieser Botschaft und außerdem rollt die Entschuldigung rüber, dass ein Missverständnis der Fahrdienstleitungen zu diesem NiemandsLandAufenthalt geführt hat. Auf nach Neuwied. Auf dem Haltestellenvorgelände von Neuwied lässt sich der auch zuvor angekündigte Ersatzbus nicht blicken. Kurzentschlossen kapern eine ältere Dame und zwei männliche Mitmenschen sowie ich das verlockend platzierte Taxi. Koblenz, wir kommen. Der Fahranteil für jeden von uns beträgt 10 Euronen. Gewonnen!

Reisezeit Düsseldorf - Koblenz ab Verlassen des Arbeitsplatzes bis Ankunft in der heimischen Burg: 245 Minuten. 4 Stunden 5 Minuten.

Update Der PendlerehrennädelchenIgel wird heute mit einem PendlerEhrenNädelchen bepiekst. Nicht wegen der gigantischen Verspätung, verursacht durch bombenverdächtige Koffer im HBf Koblenz, sondern wegen der Herumsteherei im GleisNiemandsLand. Diese Zeit geht auf die Kappe des Waggonbetreibers. Eindeutig.

Wochenende.



1 Link führt zu YouTube uploaded 08.10.2007
2 Link führt zu Textauszug Bürgergesellschaft als Bertelsmann-Projekt Ein kritischer Bericht (Rudolph Bauer); DOI 10.1007/978-3-531-91356-8_13; Online-ISBN 978-3-531-91356-8


Tags: Bahnunwesen, Meldesysteme, Bildungsapathie

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